Untersuchung von kritischen Schritten im Kompetenzerwerb und Bewältigungsstrategien für M8

Die einzelnen Kompetenzbereiche bergen gewisse Aspekte, die sich immer wieder für viele Schüler/innen als besondere Herausforderungen erweisen. Jede Lehrerin/jeder Lehrer hat sicherlich spezifische Erfahrungen damit – und die müssen sich nicht zwingend decken, denn zu einem gewissen Grad hängt es auch von der Lehrkraft und ihrer Unterrichtsgestaltung ab, womit sich die Schüler/innen leichter oder schwerer tun.

Im Erfahrungsaustausch mit Fachkolleg/inn/en kann man identifizieren,

  • was den Schüler/innen besondere Schwierigkeiten bereitet,
  • welche häufigen Missverständnisse und Fehler den weiteren Lernerfolg blockieren können,
  • welche Aspekte vielleicht nicht schwierig, aber so zentral für den weiteren Kompetenzerwerb sind, dass sie gut beherrscht und besonders beachtet werden sollen,
  • welche Bewältigungsstrategien die Schüler/innen haben und
  • wie man sie dabei unterstützen kann.

In weiterer Folge geht es dann um die Frage:

An expliziten Diagnosetools steht z.B. IKM zur Verfügung. Um herauszufinden, ob bestimmte Lernschritte erfolgreich bewältigt wurden, gibt es allerdings eine Reihe von Möglichkeiten, die auch direkt im Unterricht angewendet werden können: Beobachtungsbögen, Lerntagebücher, Selbsterklärungen etc. (mehr in: Pädagogische Diagnostik. Zu den verschiedenen Zielrichtungen von Diagnose siehe auch Kompetenzorientierter Unterricht in Theorie und Praxis, Seite 114ff).

Vor allem bei jüngeren Schüler/innen eignet sich der „Mathebriefkasten“ als praktikables Instrument für die laufende Lernstandsdiagnose, mit überschaubarem Vor- und Nachbereitungsaufwand für die Lehrer/innen und ohne unnötigen Leistungsdruck für die Schüler/innen. Zu einer vorgegebenen Aufgabenstellung, deren Bearbeitung nicht länger als fünf bis zehn Minuten in Anspruch nehmen sollte, halten die Schüler/innen ihre individuellen Aufgabenbearbeitungen und Erklärungen auf Papier fest. Die Lehrkraft erhält so innerhalb kürzester Zeit einen guten Einblick in die individuellen Lernstände.

Zusätzlich sind alle Aufgabenstellungen, bei denen die Denkwege und Lösungsstrategien der Schüler/innen für Lehrer/innen gut sichtbar werden, hilfreich beim Erkennen von zusätzlichem Erklärungs- oder Erkenntnisbedarf. Dazu gehören z.B. sogenannte produktive (siehe S 120ff in Kompetenzorientierter Unterricht in Theorie und Praxis) oder selbstdifferenzierende Aufgaben (siehe Seite 47ff im Praxishandbuch für Mathematik 8. Schulstufe, Band 2) sowie Forschungsaufgaben (siehe z.B. Seite 15ff in Einstiege ins Argumentieren und Begründen in der Sekundarstufe I).

Speziell für die Nahtstelle: Welche Kompetenzen am Beginn der Sekundarstufe 1 prinzipiell zu erwarten sind, zeigen die Bildungsstandards für die 4. Schulstufe. Für die konkrete Bestandsaufnahme am Beginn der 1. Klasse kann man z.B. IKM nutzen. Charakteristische Beispiele, woran man am Beginn der Sekundarstufe 1 erkennen kann, wenn in der Grundschule der Aufbau eines mathematischen Grundverständnisses nicht gelungen ist, findet man auf den Seiten des Recheninstituts zur Förderung mathematischen Denkens. Die dort angeführten Fördertipps eignen sich z.T. auch für die Sekundarstufe 1 bei der Unterstützung von Kindern, die Nachholbedarf bei den grundlegenden Konzepten bzw. fundamentalen Ideen haben.

Es ist wichtig, die Anzeichen für Verständnis- oder Rechenschwierigkeiten rechtzeitig zu erkennen. Sie deuten oft auf eine Interaktions- oder Kommunikationsstörung zwischen Lehrer/in und Schüler/in hin, der man im Unterricht entgegenwirken kann. „Fehler“ sind wichtige Informationsquellen beim Erforschen der Denkwege von Schüler/innen. Ungünstige Präkonzepte und Fehlkonzepte sind kein Zeichen von mangelnder Intelligenz, sondern entstehen durch kreative Versuche der Schüler/innen sowohl der neu aufgenommenen Information als auch dem bisherigen Wissen so weit wie möglich Rechnung zu tragen. Vermieden bzw. überwunden werden können sie durch Verwendung von authentischen Problemstellungen und Beispielen, Möglichkeit zum Experimentieren und Ausprobieren, konzeptuelles Lernen (statt verständnisloses Auswendiglernen) mit gezielter Integration und Vernetzung des Gelernten mit bereits Bekanntem sowie durch kooperatives Lernen.

Das individuelle Lerntempo gehört sicherlich zu den Schlüsselfaktoren beim Verstehen mathematischer Sachverhalte. Wenn man zu früh zum Üben und Automatisieren übergeht oder zu früh inhaltlich voranschreitet, werden Verständnisschritte übersprungen, die später fehlen und nur mit großem (auch zeitlichem) Aufwand nachgeholt werden können. Ebenso wichtig ist es, möglichst genau an die Vorkenntnissen bzw. Vorerfahrungen anzuschließen und die neuen Erkenntnisse gezielt in bereits bekannte Themenbereiche einzunetzen. Für die dafür nötige innere Differenzierung des Unterrichts gibt es mittlerweile ein breites Methodenrepertoire, siehe z.B. Seite 27ff im Praxishandbuch für Mathematik, 8. Schulstufe, Band 2. Eine sehr ausführliche Zusammenstellung samt anschaulichen Beispielen findet man in der Diplomarbeit „Innere Differenzierung im Mathematikunterricht der Sekundarstufe I – Anregungen zur praktischen Umsetzung. Auch die weiter oben genannten produktiven, selbstdifferenzierenden und Forschungsaufgaben gestatten den Schüler/innen individuelle Zugänge und führen sie überdies in vertieftes Verständnis von mathematischen Sachverhalten. Zusätzlich müssen die Schüler/innen dabei unterschiedliche Lösungsstrategien verbalisieren und diskutieren – eine hervorragende Möglichkeit sich mit Denkmustern und Konzepten auseinander zu setzen.

Was den jeweiligen Schüler/innen bei den für sie schwierigen Lernschritten tatsächlich hilft, muss man im konkreten Fall durch Ausprobieren herausfinden – wobei der Austausch mit Kolleg/inn/en sich üblicherweise als hilfreich erweist. Sollte sich herausstellen, dass mehrere Kolleg/inn/en Interesse an einer Weiterentwicklung des Unterrichts von spezifischen Sequenzen in der Kompetenzentwicklung haben, bietet es sich an eine Lerngemeinschaft zu gründen bzw. eine Lesson Study durchzuführen. Entsprechende Fortbildungsangebote findet man mittlerweile an fast allen Pädagogischen Hochschulen.

Zuletzt geändert: Donnerstag, 20. Dezember 2018, 21:46