Individualfeedback als Evaluationsmethode

Individualfeedback als wirksamste Methode der Unterrichtsevaluation

Aus der Forschung ist bekannt, dass Individualfeedback der Schüler/innen an die Lehrer/innen besonders wirksam ist: Es ermöglicht direkte und konkrete Rückmeldungen, die unmittelbar für die Entwicklung des Unterrichts genutzt werden können.

Das Individualfeedback in SQA unterscheidet sich von der alltäglichen und meist intuitiven Verarbeitung des Unterrichtsgeschehens („Heute war die Klasse sehr unaufmerksam, woran das nun wieder lag?“, „Ungewöhnlich viele Wortmeldungen heute, dieses Thema scheint ihnen offenbar zu liegen.“) dadurch, dass es als Evaluationsmethode systematisch durchgeführt wird. Rückmeldungen der Schüler/innen, als „Zielgruppe“ für den schulischen Unterricht, werden als empirische Daten erfasst und wahrgenommen. Dabei kann es um eher allgemeine Aspekte des Unterrichts gehen oder auch um konkrete Themen und Unterrichtssituationen.

Individualfeedback ermöglicht es zu erkennen, was bei den Schüler/innen wie „ankommt“, es ist also eine zentrale „Datenquelle“ für die Reflexion und Selbstevaluation des Unterrichts durch die Lehrer/innen selbst, die auch die Datenhoheit über das von ihnen eingeholte Feedback haben. Meist beginnt man eine Evaluation des eigenen Unterrichts daher mit dem Einholen von Rückmeldungen der Schüler/innen, für gewöhnlich in Form eines kleinen schriftlichen Fragebogens. Dafür gibt es in SQA auch bereits vorgefertigte Online-Instrumente, die Lehrer/innen direkt einsetzen können (mehr dazu hier).

Verkehrte Welt?

Allerdings ist es für Lehrer/innen oft ungewohnt, Feedback von Schüler/innen einzuholen – der „Normalfall“ im Unterricht ist ja umgekehrt: Die Lehrer/innen geben den Schüler/innen Rückmeldungen und bewerten ihre Leistungen. Wenn Lehrer/innen nun auch Feedback empfangen, bedeutet dies auch eine Veränderung (der Wahrnehmung) der Rolle von Lehrer/innen, das Verhältnis zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen wird egalitärer, die Rolle der Schüler/innen als „Koproduzenten“ des Lehr-/Lernprozesses wird stärker betont.

Dies bedeutet, dass Individualfeedback im ersten Schritt das gewohnte professionelle Selbstverständnis von Lehrkräften als denjenigen, die aufgrund von Ausbildung und Erfahrung (immer) wissen, was wie am besten zu tun ist, in Frage stellt. Das kann entlasten, indem es (allzu) hohe Ansprüche an Lehrer/innen relativiert. Es kann aber auch einigermaßen verunsichern, zumal es erstens noch nicht so viel Erfahrung mit Evaluation und Feedback an Schulen gibt und zweitens gerade bei Individualfeedback einiges zu beachten ist, damit es auch Früchte tragen kann. Feedback kann zu sehr interessanten und hilfreichen Erkenntnissen für den eigenen Unterricht führen, es kann allerdings auch gewaltig „schiefgehen“. Dann führt es nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer (vielleicht sogar nachhaltigen) Störung des Klimas. Das sollte unbedingt vermieden werden.

Worauf muss man grundsätzlich achten?

Feedback gedeiht, wie Evaluation überhaupt, nur in einer Atmosphäre des Respekts und des Vertrauens: Die Schüler/innen müssen darauf vertrauen können, dass Sie als Lehrkraft das Feedback ernst nehmen und den Schüler/innen keine negativen Konsequenzen daraus erwachsen. Aber auch Sie als Lehrkraft sind darauf angewiesen, dass die Schüler/innen ehrlich antworten und das Feedback nicht zu - persönlich beleidigenden, aber inhaltlich wenig aussagekräftigen – Tiraden verkommt. Keinesfalls sollte Individualfeedback in eine „Lehrerbeschimpfung“ ausarten. Im Gegenteil: Es geht um eine „sachliche“ Rückmeldung zum Unterrichtsgeschehen, zu Erfahrungen und selbstverständlich auch zu Emotionen – in verständlicher und angemessener Form. Es braucht also Vertrauen und ein klares Verständnis darüber, was Feedback ist und wozu es dient, bei allen Beteiligten. Feedbackregeln müssen bekannt sein und eingehalten werden – sowohl von den Geber/innen als auch von den Empfänger/innen von Feedback. Mehr zu förderlichen Bedingungen für Feedback und zu Feedbackregeln finden Sie hier

Wie kann man Individualfeedback angehen?

Für Individualfeedback als eine Möglichkeit der Selbstevaluation von Lehrkräften gilt das, was in Kapitel 2 bis 6 zu Evaluation allgemein ausgeführt wird. Hier nun zusätzlich einige spezifische Hinweise, was bei Individualfeedback besonders beachtet werden sollte:

·       Beginnen Sie behutsam und Schritt für Schritt. Knacken Sie zu Beginn nicht gleich die „härtesten Nüsse“, erproben Sie Individualfeedback in einer Klasse, zu der Sie ein gutes Verhältnis haben. Nehmen Sie sich auch inhaltlich nicht zu viel vor: Beginnen Sie mit einer kurzen Liste an Feedbackfragen (bzw. wählen Sie nur ein Kapitel der Fragen in SQA online aus), schließlich sollen Sie in Folge ja auch darauf reagieren können.

·       Stellen Sie sicher, dass allen klar ist, was mit Feedback gemeint ist – und vermitteln Sie glaubhaft, dass die Schüler/innen nichts zu befürchten haben, wenn sie ihre Meinung sagen. Nützen Sie z.B. die anonymisierten Fragebögen in SQA online und achten Sie darauf, dass Sie dieses Versprechen auch halten. Vertrauen ist leicht verspielt.

·       Achten Sie aber andererseits auch auf die Einhaltung von Feedbackregeln, schaffen Sie Verständnis bei den Schüler/innen, dass sie mit ihren Antworten dann am meisten bewirken, wenn sie sich möglichst verständlich und konkret ausdrücken, und dass Sie von ihnen einen höflichen Ton erwarten.

·       Lassen Sie Taten folgen: Geben Sie den Schüler/innen ihrerseits Rückmeldung zu den Feedback-Ergebnissen und sagen Sie ihnen, was Sie damit tun werden.

Was ist sonst noch wichtig?

Durch Individualfeedback decken Sie eine wichtige Perspektive ab – die der Schüler/innen. Selbstverständlich ist dies aber nicht die einzige (mögliche) Datenquelle für die Unterrichtsevaluation. Ergänzen Sie die Ergebnisse aus dem Individualfeedback durch andere Methoden, damit werden Ihre Erkenntnisse umfassender und differenzierter (mehr dazu hier). Arbeiten Sie z.B. im Team, vergleichen Sie Ihre Unterrichtskonzepte, Methoden, Materialien, pädagogische Diagnostik und Notengebungsverfahren (mehr dazu hier). Oder bitten Sie eine Kollegin/einen Kollegen, Ihren Unterricht zu beobachten (mehr dazu hier). Werfen Sie einen Blick in die Ergebnisse der Bildungsstandardsüberprüfungen: Was sagen diese über die Lernergebnisse Ihrer Schüler/innen aus?

Schließlich ist es wichtig, dass Sie den Umgang mit Individualfeedback in Ihr professionelles Selbstverständnis als Lehrer/in integrieren. Individualfeedback braucht Offenheit, aber auch Selbstbewusstsein. Sie als Lehrer/in müssen sich auf die Rückmeldungen der Schüler/innen einlassen und überlegen, was diese für Ihren Unterricht bedeuten – nur dann macht Individualfeedback Sinn. Gleichzeitig ist klar, dass Sie als Lehrer/in die Verantwortung für Ihren Unterricht tragen. Feedback von Schüler/innen kann widersprüchlich oder nicht mit den Unterrichtsbedingungen oder -zielen vereinbar sein. Und man kann es natürlich nie allen recht machen. Es liegt also in Ihrem Ermessen, auf welches Feedback Sie in welcher Weise reagieren. Neu ist nur, dass dies nun transparent und argumentierbar ist.

Daraus ergibt sich ein weiterer möglicher Vorteil von Individualfeedback: Wie jede Evaluation kann auch Individualfeedback, wenn Sie dies wollen, genutzt werden, um gegenüber den verschiedenen Anspruchsgruppen – Schüler/innen, Eltern, Direktion, Schulaufsicht, allgemeine Öffentlichkeit – die Unterrichtsqualität nachzuweisen. Individualfeedback hilft hier, emotional geführte Debatten zu versachlichen und auf ihren eigentlichen Kern zurückzuführen.

Und an die Schulleitungen gerichtet: Individualfeedback als Aktion einzelner Lehrkräfte ist ein Anfang. Dann kommt es darauf an, dass ein größerer Kreis von Lehrer/innen Unterrichtsfeedback einholt und dass diese Praxis sich ausbreitet. Dazu gehört auch ein Austausch und eine gemeinsame Reflexion, um das Lernen im Kollegium zu vergemeinschaften und auf die Ebene der Schule zu heben.


Last modified: Tuesday, 23 February 2016, 2:29 PM