Evaluation nimmt Emotionen ernst

Evaluation ist ungewohnt und nicht immer angenehm

Evaluation rührt an das professionelle Selbstverständnis von Lehrkräften. Sie ist und bleibt daher ein heißes Eisen. Woran liegt das? Evaluation hat mit (Be)Wertung zu tun, folglich mit Werten, Haltungen, Motiven, die den eigenen Handlungen zugrunde liegen – nur teilweise bewusst, oft wenig reflektiert und meist unausgesprochen. Sie ans Tageslicht zu fördern kann mehr Verständnis füreinander, aber auch Angst erzeugen, zunächst einmal vor sich selbst: Wer gesteht sich schon gerne ein, dass nicht alle seine/ihre Handlungen von hehren (pädagogischen) Motiven getragen sind? Angst aber auch vor den anderen, vor Auseinandersetzungen und Konflikten. Evaluation rührt daher oft an Dinge, über die viele Menschen nicht gerne sprechen – oder es einfach nicht gewohnt sind.

Bedeutung von Emotionen

In jedem Fall – und vor allen sachlichen Argumenten – sind bei Evaluation also Emotionen im Spiel. Solche, die offen zutage treten und solche, die wie im vielzitierten Bild vom Eisberg unter der Wasseroberfläche verborgen bleiben. Besonders in der Anfangsphase von Evaluationsprozessen und in einem Umfeld, in dem (Selbst-)Evaluation noch nicht allgemein anerkannter Bestandteil der herrschenden Schulkultur ist, überwiegt erfahrungsgemäß der negative Impuls. Mit den bekannten Folgen: Misstrauen gegenüber der Idee und den dahinter vermuteten Absichten, Abwehrverhalten gegenüber Personen und Institutionen, die sie vertreten und/oder verordnen könnten, Widerstände und Blockaden in verschiedensten Erscheinungsformen („Das machen wir ja alles schon längst!“ – Wer kennt nicht derartige „Killerphrasen“?).

Bewusster Umgang mit Emotionen

All das ist nachvollziehbar und zutiefst mensch­lich. Was bedeutet das nun für die Evaluation? Eine Abkehr von der Sachebene, vom Abwägen der Argumente, von einer unaufgeregten Einschätzung offenkundiger Interessen, die im Spiel sind? Das wäre ein Missverständnis. Die Botschaft lautet aber auch nicht, derlei Emotionen zu unterdrücken, so zu tun, als ob es sie nicht gäbe. Vielmehr geht es darum, den Blick für die „andere“, die emotionale und soziale Seite von Evaluation zu schärfen, sie ein Stück weit bewusster – und damit auch „besprechbarer“ – zu machen, zu lernen offener damit umzugehen. Die „technische“ Seite von Evaluation ist wichtig; beinahe noch wichtiger aber erscheinen Fragen der Haltung, der Einstellung, des Klimas, die damit verbunden sind.


Last modified: Thursday, 18 February 2016, 6:59 PM