Qualitätsbereich 3: Lebensraum Klasse und Schule

Hintergrund
Schule ist nicht nur „Lernraum“, sondern auch „Lebensraum“. Im Lebensraum Klasse und Schule machen die Schüler/innen soziale Erfahrungen in einer größeren Gruppe mit spezifischen Regeln. Dies soll der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse dienen, ermöglicht aber auch Lernen über soziale Beziehungen, Arbeitsorganisation und Demokratie, über Verantwortungsübernahme, Verlässlichkeit sowie Geben und Nehmen in sozialen Zusammenhängen.

Schule ist nicht nur eine Aufeinanderfolge von Unterricht und Pausen, sondern stellt auch einen „Lebensraum“ dar, in dem die Lernenden (aber ebenso die Lehrpersonen) einen nicht ungewichtigen Teil ihre Lebenszeit verbringen. Dies allein ist schon Grund danach zu fragen, ob die Gestaltung der Lern- und Arbeitsphasen, aber auch der sonstigen in der Schule verbrachten Zeit mit menschlichen Grundbedürfnissen vereinbar ist, z.B. neben den physiologischen Grundbedürfnisse jene nach Sicherheit, sozialen Beziehungen, Individualität, Anerkennung und Selbstverwirklichung (siehe Maslow, A. 1943)

Von der Kultur des Zusammenlebens, von der Gestaltung der Institution Schule (siehe Bernfeld, S. 1925, S. 28) und von den zusätzlichen Anregungen, die das schulische Ambiente und die dort üblichen Umgangsformen bieten, gehen offenbar sozialisierende Einflüsse auf die Kinder und Jugendlichen (aber auch auf die Erwachsenen, so kann man annehmen) aus. Diese sind in der Bildungsforschung zunächst unter dem Begriff „heimlicher Lehrplan“ (hidden curriculum) thematisiert worden, um darauf hinzuweisen, dass es offenbar auch Lerneffekte der Schule gibt, die nicht in den offiziellen Curricula vermerkt sind und die z.T. diesen offiziellen Zielen widersprechen (siehe Jackson, P. W. 1968; Zinnecker, J. 1975; Meyer, H. 2012).

Von der Erkenntnis solcher sozialisierender Einflüsse ist es nur mehr ein kleiner Schritt zu der Idee, das Zusammenleben in Unterricht und darüber hinaus bewusst als soziales und kulturelles Erfahrungsfeld zu gestalten. Für Hartmut von Hentig (1985, s. 111) ist Schule eine Gemeinschaftsaufgabe: „Planen, Entscheiden, Kontrollieren; das Haus in Ordnung bringen, verschönern, verändern; Feste, Versammlungen, Beratungen; für sich sein, im Gespann arbeiten, in arbeitsteiligen Verbänden wirken“. In der gemeinschaftlichen Gestaltung ist Schule aber auch für die Heranwachsenden ein wesentliches Erfahrungsfeld für soziale Verkehrsformen und damit auch für Demokratie. In diesem Sinne ist Schule immer auch ein (bewusst gestaltetes oder unbewusst passierendes) politisches Gemeinwesen, in dem man „im Kleinen die Versprechungen und Schwierigkeiten der großen res publica erfährt, sich und seine Ideen erprobt und die wichtigsten Tätigkeiten übt“ (Hentig, H. v. 2004, S. 126 f.).

Im Lebensraum Schule und Klasse erfahren Schüler/innen auch wie mit Unterschiedlichkeit umgegangen werden kann, ob Menschen ausgeschlossen werden oder ob produktive Formen der Kommunikation von Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Traditionen, des gleichberechtigten Zusammenlebens der Geschlechter der Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderung gefunden werden.

Mehr:

  • Bernfeld, S. (1925/1971): Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Hentig, H. v. (1985): Die Menschen stärken, die Sachen klären. Ein Plädoyer für die Wiederherstellung der Aufklärung. Stuttgart: Reclam.
  • Hentig, H. v. (1996/2004): Bildung. Ein Essay. Weinheim: Beltz
  • Jackson, P. W. (1968): Life in Classrooms. New York: Holt, Rinhart & Winston.
  • Maslow, A. (1943): A Theory of Human Motivation. Psychological Review 50, 4, 370-396.
  • Meyer, H. (2012): Heimlicher Lehrplan und Schulwirksamkeitsforschung
  • Zinnecker, J. (1975): Der heimliche Lehrplan. Weinheim: Beltz.
Last modified: Wednesday, 31 October 2012, 10:59 PM