Fragensammlung

Pädagogische Diagnostik? Wozu?

Diagnostizieren gehört zum Kerngeschäft von Lehrerinnen und Lehrern. Um Schüler/innen wirksam beim Lernen unterstützen zu können, müssen sich Lehrer/innen immer wieder ein Bild davon machen, wo ihre Schüler/innen gerade stehen, sonst agieren sie leicht an deren Bedürfnissen vorbei. Dabei ist es wichtig, den Lernprozess aus der Perspektive des Schülers/der Schülerin zu sehen: Über welches Vorwissen verfügt er/sie? Ob und inwieweit wurde ein Ziel bereits erreicht bzw. eine Kompetenz erworben? Wo besteht noch Verbesserungs- bzw. Förderbedarf? Was kann der/die Schüler/in besonders gut? Wo liegen die Interessen und Stärken? Wo hat er/sie Schwierigkeiten? Förder- oder Lernprozessdiagnostik dieser Art dient nicht nur der Unterstützung der Lernenden und deren Lehrer/innen, sondern auch der Eltern.

Können sich Lehrer/innen nicht einfach auf ihr Bauchgefühl verlassen?

Das Bauchgefühl ist für schnelles Handeln in laufenden Unterrichtsprozessen unverzichtbar, angemessen und sehr sinnvoll. Aber es ist mitunter auch trügerisch. Empirische Untersuchungen belegen, dass Lehrer/innen die Rangfolge der Schülerleistungen innerhalb einer Klasse recht genau einschätzen. Bei der Einschätzung des absoluten Niveaus von Schülerleistungen kommt es allerdings sehr häufig zu Fehlurteilen. Es gibt also auch Situationen im pädagogischen Schulalltag, in denen es zur Überprüfung, Ergänzung und Bestätigung von subjektiven Urteilen eine kriteriengeleitete Diagnostik braucht. Wichtiger als eine hohe Genauigkeit ist dabei die Bereitschaft, einmal gebildete Urteile zu reflektieren und bei Bedarf anzupassen.

Wie sieht Lernprozessdiagnostik in der Praxis aus?

Lernprozessdiagnostik ist in den meisten Fällen in das Unterrichtsgeschehen eingebunden. Sie findet immer dann statt, wenn Lehrende geplant und systematisch Informationen zum Lernstand und Lernprozess der Lernenden einholen, um daraus Fördermaßnahmen abzuleiten bzw. die Schüler/innen selbst zu eigenverantwortlichem Lernen zu befähigen. Das kann zum Beispiel eine gezielte Beobachtung einer einzelnen Schülerin im Rahmen einer kooperativen Arbeitsphase im Deutschunterricht sein, in der ihre Teamfähigkeit mittels Beobachtungsbogen erhoben wird, oder die Auswertung der schriftlichen Selbsterklärungen der Klasse, die zu Lösungsmöglichkeiten von Gleichungen in der Mathematikstunde verfasst wurden.

Wann haben Lehrer/innen Zeit für das pädagogische Diagnostizieren?

Diagnostizieren im Lehrberuf ist keine zusätzliche Aufgabe, sondern ein Kernelement guten und erfolgreichen Unterrichtens und fairen Beurteilens. Zeit für differenziertes, zielgerichtetes Beobachten wird durch ein entsprechendes didaktisches Arrangement geschaffen, in dem die Lernenden selbständig arbeiten.

Was haben die Schüler/innen davon, wenn sich ihre Lehrer/innen mit Lernprozessdiagnostik auseinander setzen?

Wissenschaftlichen Studien zur Folge ist Kompetenz im Bereich Lernprozessdiagnostik bei Lehrenden ein wesentlicher Faktor für den Erfolg der Lernenden. Das Wissen um die individuellen Lernvoraussetzungen, Lernprozesse und Lernstände ist Grundlage für individuelle Förderung und Lernprozessbegleitung sowie für das selbstgesteuerte Lernen der Schüler/innen.

Warum Diagnose? Lehrer/innen sind doch keine Ärztinnen und Ärzte!

Ja, Lehrer/innen sind keine Ärztinnen und Ärzte und doch gehört die pädagogische Diagnose zum Kern ihrer Arbeit. Lehrer/innen diagnostizieren, indem sie – mit den Instrumenten und Verfahren der pädagogischen Diagnostik – Lernvoraussetzungen, Lernprozesse und Lernergebnisse von Lernenden erschließen und analysieren und daraus Maßnahmen ableiten. Dabei richten sie ihren Blick vor allem auf die Ressourcen jeder/s einzelnen Lernenden. Alle empirischen Studien, die sich mit Lernleistungen von Schüler/inne/n beschäftigen, bestätigen eines eindeutig: Eine verbesserte Diagnosekompetenz der Lehrer/innen führt zu einer Verbesserung der Lernleistungen der Schüler/innen.

Welche Instrumente und Verfahren gibt es?

Unter Formelle Instrumente bzw. Semiformelle Instrumente finden Sie kurze Beschreibungen zu den wichtigsten Instrumenten und Verfahren der pädagogischen Diagnostik.

Sind Lehrer/innen ganz alleine für pädagogische Diagnose verantwortlich?

Da pädagogisches Diagnostizieren zur Professionalität von Lehrer/inne/n gehört, tragen diese die Hauptverantwortung. Gleichzeitig ist pädagogische Diagnose aber auch ein dialogisch und kooperativ gestalteter Prozess. Die professionellen diagnostischen Beobachtungen der Lehrer/innen bzw. des Lehrer/innen-Teams werden durch Selbsteinschätzung der Schüler/innen, Fremdeinschätzungen der Lernpartner/innen und Beobachtungen von Eltern ergänzt.

Wie kann Diagnosekompetenz entwickelt werden?

Eine förderliche Eigenschaft dafür ist die Bereitschaft und Fähigkeit, einmal gebildete Urteile im Kollegium und über die eigene Schule hinaus, etwa im Rahmen von Fortbildungen, zum Gegenstand der Reflexion zu machen, diese anzupassen und zu revidieren. Auch der Vergleich eigener Einschätzungen mit den Ergebnissen externer Testverfahren kann einen wertvollen Beitrag leisten, um die diagnostische Kompetenz von Lehrer/inne/n deutlich zu verbessern.

Wie gelingt der Einsatz von standardisierten Diagnoseverfahren?

Standardisierte Diagnoseverfahren (z. B. Testverfahren zur Feststellung einer Lese-Rechtschreibschwäche oder Verfahren zur Sprachstandsdiagnostik) dürfen in der Regel nur von speziell ausgebildeten bzw. im Umgang mit dem Instrument geschulten Lehrer/inne/n eingesetzt werden. Fortbildungsveranstaltungen dazu werden u. a. von den Pädagogischen Hochschulen angeboten. Außerdem empfiehlt es sich, dass Lehrer/innen pädagogisch-psychologisches Theoriewissen besitzen und Routinen beim Einsatz und Auswertung der Tests erworben haben. Darüber hinaus muss sichergestellt sein, dass Lehrer/innen die erhobenen Daten ausschließlich nutzen, um darauf aufbauend passgenau zu fördern.

Wozu sollen Lehrer/innen formelle Diagnoseverfahren wie IKM verwenden? Es reichen doch die zentralen Standardüberprüfungen!

Die gesetzlich verpflichtenden Standardüberprüfungen stellen objektiv fest, inwieweit die Schüler/innen der 4. und 8. Schulstufe zentrale fachliche Kompetenzen in bestimmten Pflichtgegenständen erworben haben. Die Ergebnisse dienen in erster Linie der generellen Steuerung sowie der Qualitätsentwicklung und -sicherung im Bildungsbereich (Monitoringfunktion).

Damit Lehrer/innen bereits in der 3. bzw. 6. und 7. Schulstufe auf freiwilliger Basis den Lernstand ihrer Schüler/innen differenziert nach Kompetenzbereichen feststellen können, ist die Informelle Kompetenzmessung (= IKM) als Diagnoseinstrument entwickelt worden. Im Gegensatz zur Standardüberprüfung erhalten Lehrer/innen auf konkrete Schüler/innen rückführbare Ergebnisse, die die Grundlage für individuelle Förderung darstellen. Über den Bereich der Klasse und der jeweiligen Lehrperson hinaus wird das IKM-Ergebnis weder weitergegeben noch ausgewertet.

Last modified: Tuesday, 10 October 2017, 5:32 PM